10 Monate Wochenend-Ausbildung in der Elternzeit, später mit 30-Stunden Job dazu und das alles mitten im Alltagschaos. Eine Ausbildung, die uns ganz anderes beigebracht hat als erwartet, aber ich trotzdem nicht missen möchte.

Seit dem Studium habe ich mit dieser Weiterbildung geliebäugelt. Was zu der Zeit noch nichts hieß, denn ich wollte soziemlich alles machen: Traumatherapie, Systemische Arbeit, Gemeinwohl-Ökonomie. Dazu kam die Begeisterung für alle Natur-Schwerpunkte: Naturpädagogik, Naturtherapie, Wildnispädagogik, Erlebnispädagogik. Was es nicht alles gab! Nur mein Geldbeutel hat eine eindeutige Sprache gesprochen: Eine Ausbildung ist denkbar. Aber für die musst du richtig sparen! Also wähle gut.
Dann sah ich irgendwann eine winzig kleine Anzeige in irgendeiner Esotherik-Zeitschrift. Keine großen Buchstaben, keine Platzhalter, keine Farbe, nur ein Dreizeiler mit den Worten Gartentherapie Ausbildung und der Website dazu. Bis ich den Schnipsel auf meinem großen Schreibtisch tatsächlich für voll genommen hab, hat es gedauert. Aber dann hat es mich gepackt! Ich hab die Seite sicher 3x durchgelesen, bei allen Inhalten schrie mein Herz, dass Ich das auch machen will. Der Gedanke, was ich mit dem Titel „Gartentherapeutin“ alles machen könnte, beflügelte meine Fantasie. Und das, wann immer ich darauf klickte.
3-4 Jahre hat es noch gedauert und einen Anlauf, der aufgrund eines Arbeitgeberwechsels nicht geklappt hat. Im November ’21 meldete ich mich dann aber unwiderruflich an, wissend, dass ich ein Stillkind zuhause hatte und alle Hilfe meiner Familie und Freunde brauchen würde.
Was ist nun also Gartentherapie?
Die Frage, die ich dazu aus meinem Umfeld am häufigsten gehört habe, ist: „Welche Gärten therapierst du dann?“. Nun, wenn man biologisch gärtnert, langfristig plant und in Kreisläufen denkt, finde ich, ist das durchaus auch therapeutisch für die Natur, aber darum geht es natürlich nicht. Es geht um die Menschen, die den Garten nutzen:
- zum üben, z.B. bei chronischen Schmerzen,
- zum Mut finden, z.B. bei Depressionen,
- zum entdecken, z.B. in der Präventionsarbeit mit Kindern,
- zum Innehalten, z.B. bei Burnout-Gefährdeten oder -erkrankten,
- zum erinnern, z.B. bei Demenz-Erkrankungen oder beim trauern.
Das ist nur eine kleine Auswahl an Möglichkeiten! Wenn man den Garten gezielt einsetzt, kann er so so vielfältig genutzt werden. Dabei spielt natürlich auch die Gartengestaltung eine große Rolle. Für eine Altenpflegeeinrichtung sollte man beispielsweise darauf achten, den Garten nicht zu überladen, um nicht zu überfordern, Rollstuhlgerechte Beete zu bauen und auf Giftpflanzen ggf. zu verzichten, um demenzkranke Menschen nicht zu gefährden.
Gestaltet man einen allerdings einen Therapiegarten für eine Rehaeinrichtung von Schlaganfallpatienten, können große Bereiche zum pikieren (also zum Schulen der Motorik) geplant werden. Bei Kindern muss die Umgebung überschaubar bleiben und braucht dennoch Ecken, die zum Verstecken und spielen anregen. Ihr seht, es sind ganz unterschiedliche Faktoren, auf die man beim therapeutischen Einsatz von Gärten achten sollte. In der Ausbildung haben wir gemeinsam und einzeln wundervolle Gärten geplant z.B. für Jugendliche in Heimen oder für Frauenschutzeinrichtungen, wir haben Gartentage geplant für Kindergeburtstage und Programme erstellt für die Trauerarbeit.



Doch woher weiß ich, was die verschiedenen Personengruppen brauchen?
Natürlich muss ein Therapieprogramm an die ganz individuellen Bedürfnisse der Person bzw. der Gruppe angepasst werden. Aber es gibt verschiedene Studienprojekte, die gartentherapeutische Abläufe bereits getestet und ggf. optimiert haben. Aus diesen wissenschaftlichen Quellen können wir Gartentherapierenden herausarbeiten, wie wir wirkungsvoll mit der jeweiligen Gruppe oder Person arbeiten, worauf zu achten ist und welche Arbeiten dabei gut helfen. Vor allem die Bereiche der Altenpflege, der Rehabilitation, der Psychiatrie und der Pädiatrie (Kinderheilkunde). Aber als Sozialarbeiterin liegen meine Stärken in der Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und Familien, insbesondere auch mit Frauen oder Menschen mit psychischen Belastungen. Die Ausbildung hat aber auch mein helles Interesse geweckt für Trauerarbeit und die Arbeit mit Menschen mit körperlichen Beschwerden. Da kommt in Zukunft also vielleicht ein weiteres Feld hinzu.
In der Ausbildung selbst wurden uns viele verschiedene Arbeitsfelder vorgestellt, die wir kennenlernten und erproben durfen. Wir lernten die Grundlagen der Aromatherapie, der Teeherstellung, von LandArt, lernten, Minigärten anzulegen und Therapiegärten zu gestalten. Natürlich konnten wir vieles über Heilkräuter lernen, aber auch über die Anwendung verschiedener Obstsorten oder Gemüse.
Neben all den Praxisbereichen gab es aber auch wichtige Auffrischungen bezüglich der Physiologie des Körpers, besonders der Sinneswahrnehmung, der Notfallmedizin, der Psychologie, der Gesprächsführung und der Kunsttherapie.
Kurz: Wir bekamen das Handwerkzeug, um Gärten therapeutisch anzulegen und so zu nutzen, dass sie die Teilnehmenden unterstützen können.
Besonders wertvoll für uns waren aber vor allem die Einblicke in wunderschöne und inspiriernde Orte wie die Kräuterinsel Cobstädt, den Lebenshof Ettischleben oder das Hospiz und ein Altenpflegeheim für Demenzerkrankte in Weimar, welche über Therapiegärten verfügen. Dort lernten wir ganz praktisch, wie es aussehen kann, wenn Gärten nicht einfach nur „schön“ sind, sondern exakt so angelegt wurden, dass sie die Wirkungen entfachen und Ziele erreichen können, die für genau diese Zielgruppe zugeschnitten sind.



Doch was während der Ausbildung mit Abstand am meisten bereicherte, war der Austausch mit den anderen Teilnehmenden im Kurs. Zu sehen, wie 15 unterschiedliche Menschen aus ganz Deutschland und darüber hinaus den Weg in denselben Raum finden, angetrieben vom gleichen Traum, der doch für jeden einzelnen ganz unterschiedlich ist, ist ein tolles Gefühl. Die Vielfalt der verschiedenen Berufe war natürlich gold wert, um sich bei den Themenbereichen gegenseitig zu unterstützen. Was für den einen beruflicher Alltag war, war für den anderen noch ein völlig neues Gebiet. Das ist übrigens eine Besonderheit der Gartentherapeuten: man kann seinen vorherigen Beruf mit einbringen, aber es gibt auch manchmal „Queereinsteiger“, die vorher z.B. im Restaurant gearbeitet haben oder als Produktmanager. Die „klassischen“ Vorberufe sind grüne Berufe wie Gärtnerinnen und Architekten, soziale Berufe wie Erzieherinnen, Sozialarbeitende, Heilerziehungspflegende, oder Pädagogen; oder medizinische Berufe wie Krankenschwestern, Ergo- oder Physiotherapierende. Die Liste ist natürlich erweiterbar. Sie soll euch nur einen Eindruck geben, in welche Bereiche man die Gartentherapie so einbringen kann!
Ich für meinen Teil bin auf jeden Fall arg gespannt, was wir 14 neuen Weltretter nun mit unserer Auszeichnung anfangen.
Vielleicht am Ende noch ein Wort zum Inanspruchnehmen von Gartentherapie:
Tatsächlich wird dieser Therapiezweig in einigen Rehakliniken und Altenpflegeheimen schon umgesetzt. Auch Physiotherapeuten nehmen es immer öfter mit auf. Wie so oft gilt: Fragt doch einfach mal nach! Nur so kann sich die Nachfrage entwickeln und auch von den Krankenkassen anerkannt werden. Ansonsten kann Gartentherapie auch präventiv oder in Eigeninitiative in Anspruch genommen werden. Das kostet natürlich das eigene Geld, was oft grade dann knapp ist, wenn man es braucht, ich weiß! Der Vorteil ist allerdings, dass es keine stigmatisierende Diagnose braucht, sondern „nur“ den Willen der Teilnehmenden: Kinder, Paare, Familien, Gruppen… sie alle können von Gartentherapie enorm profitieren, denn der Aufenthalt in der Natur ist nicht ein „netter Zusatz“, sondern schon immer wichtiger und fester Bestandteil der Menschheit. Daran sollten wir uns wieder erinnern!

Seid ihr jetzt neugierig geworden, was es mit Gartentherapie auf sich hat oder wollt ihr einzelne Themen genauer beleuchtet haben?
Dann meldet euch gern bei mir oder schaut bald wieder hier vorbei!
Alles Liebe, Helena ♥
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