Mein Garten-Fazit nach einem Jahr.
Teil Eins: Wie alles begann.
Versteckt und verlassen, wie Lost Places eben so sind, ziehen sie mich am meisten in den Bann. Als Kind und vor allem als Jugendliche waren es meine sicheren Orte, an denen ich es mir schön machen konnte. Oh, ich war schon in Ruinen, von denen ich lieber nicht erzähle! Dort fegte ich dann gern den Boden aus und machte mir eine gemütliche Ecke, einen Ort, um für mich zu sein.
Und heute, mitten im Wirrwarr zwischen Mamasein und all den Rollen, in die man tagtäglich so schlüpft, habe ich meinen eigenen kleinen Garten nun schon seit einem Jahr. Als ich ihn fand und mich verliebte, lag er über drei Jahre brach. Das Dach war kaputt und es hatte drei Winter lang reingeregnet. Der Boden war modrig und alles voller Spinnen, die sich in ihre Ecken verkrochen, als wir eintraten. Der Garten selbst jedoch wirkte wie verwunschen. Eine ehrwürdige Kiefer nahm einen großen Teil des Gartens ein, vier weitere Nadelbäume versprühten so einen Hauch von diesem verwilderten Gefühl, in dem ich mich so sicher und geborgen fühle. Auf den zweiten Blick sah man, dass unter diesem verlassenen Anschein sehr liebevolle Details zu erkennen waren.





Denn das war nicht etwa irgendein Garten. Der Garten gehörte lange den Vorständen des Kleingartenvereins. Erst kurz vor dem Dornröschenschlaf von Garten Nummer 63 kam eine andere Familie, die mehr Zeit mit Streit verbrachte als mit der Liebe zu diesem Stück Erde. Man erkannte wirklich, dass hier jede Ecke liebevoll durchdacht war. Kleine Blumenampeln waren an der Dachrinne der Laube, Strom überall akurat verlegt, mehrere Wasserstellen an sinnvollen Orten, mit dem Brunnen verbunden. Die Rabatten in steineren Rasenkanten eingefasst. Ein Rosenbogen, ein Vorgarten. Auch ein großer Kompost war in einer günstigen Ecke angelegt sowie Wege, die alles hübsch rechtwinklig miteinander verbanden.
Diese Mischung aus Ordnung und Wildnis machte den unwiderstehlichen Zauber für mich aus.
Teil Zwei: Herausfordernde Prozesse.
Also habe ich den Garten gepachtet. Und so hieß die Aufgabe fortan: Eine Frau, 450qm, 3-5h Gartenzeit pro Woche. Das ist nicht viel für dieses sehr engagierte Projekt, aber ich ent-decke in kleinen Schritten die liebevoll angelegten Pfade wieder und verbinde sie in (hoffentlich) sinnvoller Weise mit ein bisschen Wildnis, die bleiben darf oder neu geschaffen wird.
Es geht dabei langsam voran, aber ich kann in meinem Tempo, mit meinen Zielen und tiefer Freude daran arbeiten. Niemand weist mich zurecht oder erzählt mir, dass ich dieses oder jenes anders machen soll. Niemand sonst erwartet meine Aufmerksamkeit.
So buddele ich mich also Stück für Stück vorwärts.
Der Wunsch ist es, dort mit Menschen zu sein, aber erst soll es schön gemütlich werden. Ich sehe schon all die wunderbaren Ecken! Ich habe sie von Anfang an gesehen! Es war wie der erste Blick auf den geheimen Garten, den alten Film meiner Kindheit. Ich sah von Anfang an, dass die wunderschöne, geheimnisvolle Kiefer, die leider zugunsten der Kleingarten Regelungen gehen musste, direkt in meinem Gemüsebeet steht. Und ein paar Monate später sah es auch in echt so aus .


Auch meine Erdbeerecke war seit Beginn in meinem Kopf am nördlichen Rand des Gartens. Dort habe ich Wildsträucher als Sichtschutz gepflanzt, sodass die Erdbeeren mit den Jahren langsam unter den Sträuchern den Boden bedecken können. Nachdem über drei Jahre niemand diesen Garten gepflegt hat, konnten sich die Erdbeerkindeln ungezwungen ausbreiten, und das auf der gesamten Rasenfläche. Weil ich die Pflänzchen gern retten und umsiedeln wollte, habe ich dieses Jahr noch keinen akkurat gemähten Rasen gehabt (Meine Nachbarn mögen es mir verzeihen!). Zur Umsetzung kam ich erst diesen Herbst und bin noch nicht ganz fertig, nur der Anfang ist gemacht. Aber diese Flut von Erdbeeren konnte ich einfach nicht ignorieren!

Und so entwickelt sich dieser verlassene Ort Schritt für Schritt zu meinem Lieblingsgarten, indem ich die Zeit vergesse, mit Freunden gemeinsam auf der Terrasse sitze, mich selbst versorge und in meiner Laube kochen, schlafen und ankommen kann. Einiges davon ist bereits Realität, wie der Gemüsegarten, anderes braucht noch seine Zeit.
Ich lerne, es zu nehmen wie es ist und zu akzeptieren, dass es länger dauert als nur ein Jahr, bis alles heimelig ist.
Schließlich hieß es im kalten Winter zunächst: Nasse, schlimmlige Möbel aus der Laube raus. Im Frühjahr fielen die Bäume. Sobald es trocken war, konnten wir das Dach reparieren und Wellbleche aufbringen. Das alles waren arbeiten, die über mein kindliches „Boden fegen“ hinaus gingen. Es forderte mich heraus und ließ erst mich und dann meine Pflanzen wachsen.



Teil Drei: Große Erfolge, die manchmal deutlich sind oder die manchmal nur ich sehe.
Am Ende gab es trotz aller Widerstände von Außen volle Erntekörbe. Ich habe Tomaten eingekocht wie eine Verrückte, Kohl, Steckrüben, unendlich viele Paprika geerntet. Außerdem 2 volle Kisten Kartoffeln, mit denen ich eigentlich nur freie Flächen bestückt habe. Es waren winzige Reste, mit bis zu 30cm langen Trieben. Dann noch 16 Gläser rote Kirsch-Grütze, die mir der Garten im Grunde geschenkt hat, denn der Sauerkirschbaum stand ja längst da und gab mir die Kirschen, ohne dass ich irgendwas dafür getan habe.
Erdbeeren, Brombeeren, Johannisbeeren und Stachelbeeren waren dankbar, dass ich sie vom Gras drumherum befreite, aber auch sie waren schon längst da! Ich fühlte mich wie in einem wieder entdeckten Paradies, in dem schon längst alles vorhanden ist.







Am Ende des ersten Jahres ist es noch immer ziemlich verwildert in meinem Garten. Der Weg ist noch voller Unkraut, der Vorgarten ein Chaos und die Wiese wächst immer noch ziemlich hoch. Der Stapel Äste der vier gefällten Bäume liegt noch immer da. Ich wollte sie liebevoll zu Unikaten verarbeiten, aber am Ende habe ich die meisten aus Zeitgründen doch zum großen Feuerplatz gebracht, um dem ganzen noch Herr zu werden. Die Laube ist zwar trocken, aber im Rohbau, weil die Aufgaben doch etwas größer sind als ich sie mir dieses Jahr zutraute. Aber es wird. Mit der Zeit eben. Und trotz all der Blicke der anderen fühle ich mich dort jetzt schon wie zuhause, wie in meinem sicheren, geheimen Versteck, den ich als Kind immer suchte; indem nur ich allein sage, wie es gemacht wird.
Und das ist ein schönes Gefühl!
In Liebe,
eure Helena ♥
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