Ein Beitrag, der schon lange ausstand.
Ich war grade wieder in die Heimat gezogen, das Studium noch nicht ganz abgeschlossen, da erzählte mir mein bester Freund von einer wirklich verrückten Idee:
„Lena, da drüben ist doch die Ruine, die zusammenstürzte, als wir noch ganz klein waren. Wie wäre es denn, wenn wir das freibuddeln und daraus einen Garten machen? Was hälst du davon?“
Das Haus stand seit 16 Jahren ohne Dach da, Seitdem hat sich dort allerhand angesiedelt an Dreck, Erde, Unkraut und Pionierpflanzen. Alle Steine und viele Restbalken sind dort unter diesen Dreckbergen. Niemand hat sich dafür noch interessiert. Am Anfang wurden bestimmt noch einige Balken oder brauchbare Ziegel rausgeholt, aber das ist lange her. Die Idee war also wirklich – verzeiht mir den Ausdruck – ein wenig irre. Alle anderen Freunde hatten höchstens ein Lachen übrig, was ihm da in den Sinn kam.
Aber ich mag alte Ecken, die ein wenig verwunschen und vor allem verlassen sind. Es waren schon immer die Orte, die mich magisch anzogen, in denen ich mich versteckte oder nach Ruhe suchte.
Also sagte ich zu und fingen wir wenig später, es war der 2. Januar, einfach an. Meine Geschwister hatten noch Ferien und ich wartete auf die Ergebnisse meiner Bachelorarbeit. Zeit war also da. Und wer in dieser Jahreszeit draußen sein wollte, musste sich eh bewegen, damit er warm wurde ^^
So sah es aus, als wir grade anfingen:


Nach nur zwei Tagen haben wir wirklich beachtliches geschafft. Neugier und Motiation waren geweckt! Wir wollten weiter machen! Die Vorstellung, wie das alles am Ende aussehen könnte, ließ uns buddeln und graben und schippen und Schubkarren fahren. Es machte Spaß! Hier das Ergebnis nach 2 Tagen mit 5 Personen, davon 2 Grundschulkinder:


Und nach und nach ging es weiter. Mal buddelten wir zu fünft, mal zu zweit und auch immer mal alleine. Irgendwie hatte das etwas beruhigendes und schönes: Erde freikratzen, Steine raussammeln und stapeln, die Erde in die Schubkarre und raus bringen. Und das Stückchen für Stückchen. Ich erinnere mich noch, dass meine Freundin aus Bielefeld zu Besuch kam und mit buddelte. So im nachhinein ist das ziemlich verrückt, denn es war ziemlich anstrengende Arbeit. Aber auch ihr gefiel es.
Die Hände in der Erde zu haben ist eben beruhigend und ausgleichend und das spüren auch wir modernen Menschen.
Apropro Boden, Das war so eine Sache für sich, denn wir fanden keinen! Darum einigten wir uns irgendwann auf ein Höhenniveau, weil wir dachten, dass der Boden vielleicht einfach nicht mehr da bzw. fest war. Und etwa eine Woche später, beim Ausgraben einer weiteren hartnäckigen Hollunderwurzel, entdeckten wir ihn noch gute 20cm unter unserem ausgemachten Niveau.
Also noch weiter graben!
Neben Wurzeln fanden wir übrigens auch allerhand anderes! Ich habe bei meinen Tipps für gute Mikroplastik-Beete davon berichtet. Es war wie Zurückreisen in die Vergangenheit. Und mit den alten Werkzeugen und seltsam geformten Steinen kam sehr bald die Frage auf:
Was war eigentlich vorher hier?
Gut, dass wir auf dem Dorf wohnen! Ein paar Gespräche später waren wir klüger: Es wurde im Laufe der Zeit unterschiedlich genutzt. Lange war es wohl eine Schmiede, wie wir neben den Erzählungen auch an den Überbleibseln der Einrichtung erkennen konnten. Ob das allerdings die ursprüngliche bzw. erste Nutzung dessen war, wissen wir nicht. Später wurde es auch als Schule genutzt, da haben wir lebhafte Berichte drüber bekommen, wo wer gesessen hat und wo was stand. Wirklich spannend, so eine Gedankenreise durch die Zeit am richtigen Ort.





So nach und nach bekamen wie die ersten Bereiche frei. Was für ein Wahnsinns-Gefühl, gerade mit dem schönen Steinboden, den wir entdeckt haben! Es wurde mittlerweile Frühling und wir wollten Garten-Erfolge sehen. Also fanden wir raus, wie man Hochbeete aus Trockenmauern baut. Steine waren ja im Übermaß vorhanden und wir wollten (und mussten) so wenig Geld wie möglich ausgeben. Der erste Einkauf waren also 2 Säcke Mörtel, um die untere Steinschicht zu befestigen. Der Rest war Präzisionsarbeit. Die Steine mussten gut ineinandergreifen, die schöne Seite nach vorne und alles ein wenig nach innen stapeln, damit es später nicht von der Erde rausgedrückt wird. Und die Steine waren schwer! So sehr es mich ärgert, das zu sagen, aber das war Männerarbeit, da konnte ich nicht mithalten. Die weibliche Physiologie ist eben doch eine andere. Also nutzte ich die Zeit und buddelte in den anderen Ecken weiter, die noch unter Erde begraben lagen. Es war übrignes wirklich viel Erde! Irgendwann fragte mein kleiner Bruder ganz berechtigt, wo denn eigentlich die ganze viele Erde herkam, hat die etwa jemand hier mit Schubkarren hergebracht?
Nein, das war wohl eher der Wind!
Ich musste tatsächlich selbst einen Moment überlegen, aber die einzig logische Antwort ist, dass Staub und Samen von Wildpflanzen und -Sträuchern reingeweht wurden, die Keimlinge wuchsen und starben und wiederum zu Erde wurden. Dann wuchsen noch mehr Pflanzen und immer so weiter, ganze 16 Jahre lang. Die Natur holt sich eben alles züruck, was nicht mehr verwendet wird. Dennoch verblüffte uns das Ausmaß.
Ende Mai, Anfang Juni waren die ersten 2 Hochbeete fertig und es dauerte nicht lange, bis ich das zweite Mal Geld ausgab und die ersten Pflanzen kaufte. Das war mein erster „Oh man, ich will den ganzen Laden leerkaufen“-Einkauf, den ich in einem Gartencenter hatte 😀

Nur wenige Wochen später fing alles an zu grünen! Es war wunderschön. Thymian, Minze, Salbei, Zucchini, Basilikum, ein Zitronenbaum. Dazu kamen auch ein paar Kürbisse, die wir auf einer freien Fläche in der Nähe anbauten. Denn dieser Kräutergarten gehört zu einem Verein. Unser kleiner Heimatverein „Zur Erhaltung und Förderung des ländlichen Raumes im oberen Allertal“, kurz EFRA, der sich zu dieser Zeit erst recht frisch gegründet hatte. Neben dem Garten, der als Vereinsprojekt gilt, wollten wir auch Feste veranstalten. Für das geplante Herbstfest wollte ich mit den Kindern im Ort Halloweenkürbisse schnitzen, was mit großer Begeisterung umgesetzt wurde!
Es sind noch weitere Hochbeete dazu gekommen. Außerdem hat unser lieber Freund und Maurer geholfen, Terrassenfließen fachmännisch als abschlißende Schicht auf die Mauern aufzubringen, damit kein Wasser mehr in die Fugen geraten kann. Zusätzlich war es natürlich auch eine optische Aufwertung und insgesamt ein wenig besser gesichert. Außerdem mauerte er unser Vereinslogo ein, welches er selbst in den Stein gehauen hatte (siehe Bild weiter unten).
Und weil es so schön ist, hier noch ein paar Bilder vom 1. Jahr:
Bis wir im zweiten Jahr nach der Wintermüdigkeit weiter machten, war das Unkraut im nächsten Raum schneller als wir. Darum holten wir uns tierische Hilfe von den Ziegen, die Meister darin sind, solche Brachflächen kurz und kahl zu schlagen:


Wir buddelten uns Stück für Stück vorwärts. Alle, die uns vorher belächelt hatten, staunten nur noch, war zwei junge Menschen – natürlich mit allerhand Hilfe! – in 2 Jahren so geschafft haben. Das wir das überhaupt geschafft haben! Mal hatten wir mehr Zeit, mal weniger. Aber schon im zweiten Jahr kamen wir oft auch einfach hier her, um es uns gut gehen zu lassen. Wir trafen uns hier mit Freunden, erzählten, schauten, was unsere Pflänzchen machten. Ich las in ruhigen Momenten auch gern einfach ein gutes Buch. Im Frühling war es hier mit den ersten Sonnenstrahlen schon schön warm durch die vielen Steine, im Sommer konnte man abends schön sitzen. Am liebsten saßen wir aber auf der Mauer, von der aus man einen so schönen Blick auf unser Werk hat…
Hier die Entwicklungen aus dem 2. Jahr. Der zweite Raum wurde leergebuddelt, neue Beete kamen hinzu:
Nun sind weitere zwei Jahre vergangen. In dieser Zeit war es durch Umzüge und Babyzeit sehr still im Garten. Niemand anderes hat sich so richtig getraut, unser Werk weiter zu führen. Doch 2023 geht es mit ein bisschen mehr Zeit weiter mit dem großen Mittelbeet, welches schon lange in den Starlöchern steht. Die beiden großen Räume sollen damit verbunden und fertiggestellt werden. Schaut, wie schön es geworden ist:
Und wie geht es weiter?
Naja, so nach und nach. Wir haben die ersten beiden Räume, unser erstes Ziel also, so gut wie fertig (auch wenn es „fertig“ im Garten ja eigentlich nicht gibt, nicht wahr?). Aber diese Ruine hat noch 4 weitere Räume, von denen 2 schon begonnen wurden freizubuddeln und die anderen beiden wirklich große Projekte sind, weil dort z.T. große Sträucher wachsen oder es sehr abschüssig nach unten geht. Von Altlasten wie altem Öl in rostzerfressenen Behältern und in Erde eingegraben mal ganz zu schweigen.
Ansonsten genießen wir einfach, was wir erreicht haben und versuchen immer mal wieder, zum pflegen und ernten da zu sein. Und zur richtigen Zeit wird wieder genug Energie da sein, um neue Ideen oder Nutzungsmöglichkeiten für den Garten zu finden. Bis dahin können alle Mieter im Wohnhaus nebenan dort gern ebenso wie wir ernten, sich wohlfühlen und bei guter Laune das ein oder andere Kraut aus den Fugen rausholen, denn den Boden wollen wir wirklich nicht wieder unter einem knappen Meter Erde begraben sehen 😉
In Liebe,
eure Helena ♥





































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