Blumen und ich, das passt nicht, immerhin sterben bei mir sogar Kakteen.
Vor circa 3 Jahren zog ich in eine Wohnung, die auf dem Balkon feste Halterungen für Blumenkästen hatte. Meine Mutter versuchte mich zu überreden ein paar Blumen einzupflanzen, doch Blumen müssen mindestens gegossen werden und mein Daumen war so grün wie das Logo der Telekom – so gar nicht. Blumen und ich, das passt nicht, immerhin sterben bei mir sogar Kakteen.
Zur Weihnachtszeit kam meine Mutter mit zwei Blumenkästen voll Tannengrün und Deko an und tobte sich auf meinem Balkon gestalterisch aus. Naja, dann soll sie halt, dachte ich. Der Winter ging und das Verlangen, es mir Zuhause hübsch zu machen kam parallel mit Corona. Wenn schon Zuhause eingesperrt, dann wenigstens schön. Ich kaufte Frühlingsblumen, deren Freude der Nachtfrost schnell nahm. Bestätigung: Blumen und ich, das passt nicht. Egal, zweiter Versuch: Mein Südbalkon bekam Geranien und Schneeflockenblumen, und auch Margeriten zogen mit ein, weil die so schön sind. Sie überlebten den Sommer, mal mehr, mal weniger.
Durch Corona wurden die Spielplätze geschlossen und ich hatte keine Lust mit meinem Sohn immer bei meinen Eltern auf den Hof zu spielen. Ich wollte einen eigenen Ort für uns.
Ich bekam das alte Gartengrundstück von meinen Eltern und alles änderte sich.
Der Garten bestand aus sehr viel Rasen, einem Gartenhaus, Tannenbäumen, ein paar Obstbäumen und einem großen Gemüsebeet, das meine Eltern weiter nutzten.
Im ersten Jahr sollte der Garten nur als Ort der Erholung dienen: Pool, Sandkasten, Hängematte, Terrasse und ein Barfußpfad wurden gebaut. Jede Menge Stauden wurden gepflanzt, die sehen hübsch aus und sind pflegeleichter.
Im zweiten Jahr wollte ich einfach mal Gemüse probieren – ich weiß gar nicht warum.
Im Frühjahr des darauffolgenden Jahres zog ich Tomaten und Paprika vor. Ich weiß echt nicht, warum ich das tat, aber ich erhoffte mir nicht viel. Ich hatte schon vorher starke depressive Phasen und es ließ mich verrückt werden, wenn etwas nicht funktionierte. Ich wusste, dass die Tomaten und Paprika nichts werden würden, es würde keine einzige keimen, dachte ich. Aber vielleicht war es auch genau diese Haltung, die es mich probieren ließ. Im Alltag brachte mich alles aus der Bahn, ich war oft verloren, und hasste mich für alles, was ich nicht hinbekam. Doch bei den Pflanzen war es anders. Ich erwartete nichts. Und erfreute mich dann umso mehr, dass es viel besser klappte als gedacht. Ich hörte auf mein Gefühl und hatte wundervolle und viel zu viele Pflanzen vorgezogen. Ja, ich musste sogar welche verkaufen! Es faszinierte mich, wie aus einem kleinen Korn eine riesige Pflanze wird, die uns Früchte schenkt.
Ich spürte im Garten eine innere Ruhe und Gelassenheit, die ich noch nie so gefühlt hatte.
Gelingt das Essen kochen nicht, fällt mir etwas runter, oder will ich zu viel und schaffe wieder nichts, dann ärgert mich das nicht nur, nein, es sorgt dafür, dass ich gleich einen Nervenzusammenbruch bekomme. Kleine Missgeschicke sind für mich der größte Weltuntergang. Aber wenn ich im Garten bin, dann habe ich eine Gelassenheit in mir, die ich noch nie vorher erlebt hatte. Einige Pflanzen werden nichts – okay, dann muss ich es nächstes Jahr besser machen. Ich möchte immer viele Dinge probieren – nicht nur im Garten – aber gebe viel zu schnell auf, weil ich doch eh nicht gut genug bin. Im Garten ist das alles egal. Ich muss das nicht können, ich lerne doch noch. Ich sammle mit allem was ich tue neue Erfahrungen, egal ob gute oder schlechte. Und wenn etwas nicht so klappt, dann lerne ich aus meinen Fehlern und weiß, wie ich es nächstes Mal zumindest nicht machen sollte. Wenn ich schlechte Tage habe, dann gehe ich in den Garten. Wenn ich wütend bin, rupfe ich die Beikräuter heraus, stecke meine Hände in die Erde und es beruhigt mich. Ich finde im Garten wieder zu mir. Wenn ich barfuß durch die Gegend laufe, fühle ich mich so frei wie nirgends auf der Welt. Ich bin ganz nah bei mir.
Letztes Jahr war ich noch traurig, weil ich dieses Gefühl immer und nicht nur im Garten haben will, dieses Jahr weiß ich, dass ich das Gefühl mitnehmen muss.
Ich hatte vergangenes Jahr wieder viele schlechte Phasen. Auf Arbeit war ich so genervt, dass ich da sitzen muss, weil ich einfach wieder in den Garten wollte. Ich wollte zurück zu dem Ort, an dem ich mich so wohl und frei fühle. Ich war ganz hibbelig, wenn ich nach der Arbeit in den Garten gefahren bin, bekam während der Fahrt schwitzige Hände, mein Herz raste vor Freude. Dieses Jahr habe ich endlich verinnerlicht, dass ich das Gefühl mitnehmen muss. Ich liebe meine Garten, aber es ist nicht mehr der einzige Ort, an dem ich gelassen bin. Ich bin zuhause gelassen. Ich kann entspannt über Dinge hinweg sehen. Ich realisiere, wenn ich mir mehr vornehme, als ich schaffen kann, specke alles etwas ab, verteile die Aufgaben, bevor ich zusammenbreche. Ich kann mir erlauben, schlechte Tage zu haben, denn die gehören zum Leben dazu. Ich versuche auf mich selbst zu achten, genauso, wie ich auf meine Pflanzen acht gebe. Das gelingt nicht immer, aber immer öfter.
“Mit deinem Bandscheibenvorfall kannst du nicht so viel im Garten machen”
Wieviel mein Garten mir gibt, hat meine Familie am Anfang nicht verstanden. Ich hab seit Jahren einen Bandscheibenvorfall in der Lendenwirbelsäule und noch heute damit Probleme, immer mal wieder. Da ist schweres schippen oder gebücktes Arbeiten im Garten natürlich nicht gerade das angenehmste. Ich durfte mir viele Kommentare anhören, dass ich nicht so viel machen soll. Am Anfang habe ich es auch immer wieder übertrieben, ich kannte meine Grenzen nicht. Meine Familie meckerte oft mit mir, dass ich nicht so viel machen soll. Sie verstanden nicht, warum ich das alles mache. Sie verstanden nicht, dass dieser Ort Therapie für mich ist. Mittlerweile kenne ich meine körperlichen Grenzen, weiß, wie ich mir die Arbeit aufteilen muss, um meinen Rücken nicht zu überanspruchen und meine Familie sagt nichts mehr, weil sie jetzt genau wissen, was mir der Garten gibt. Denn auch sie merken, dass es mir besser geht. Dass ich ausgeglichener bin, dass es mir wieder gut geht. Ich habe immer noch depressive Episoden, aber diese sind seltener und viel weniger ausgeprägt, und es wird immer besser.
Mein Garten gibt mir etwas, dass ich nicht genau bestimmen kann. Vielleicht liegt es daran, dass dieses Stück Erde der Ursprung alles Seins ist.
Gartenbini.
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